Django Unchained


Einen Southern nennt Quentin Tarantino seinen neuen Film, analog zum Western. Aber weniger vom Wilden Westen des US-Kinos ließ er sich inspirieren, sondern unverkennbar von den legendären italienischen Spaghettiwestern der 1960er-Jahre. "Der Westen von Sergio Leone oder Sergio Corbucci ist ja der gewalttätigste, brutalste und gnadenloseste, den es je gab, mit den herzlosesen Bösewichten", erzählt er im SKIP-Interview. "Ich habe mich gefragt, was wohl in den USA das passendste Äquivalent wäre - und so bin ich auf den Süden um 1800 gekommen. Das Leben eines Sklaven - was Gnadenloseres kann ich mir schwer vorstellen!"

Sklave Django (ursprünglich wäre die Rolle für Will Smith gedacht gewesen, der sagte aber ab und wurde glücklicherweise durch Jamie Foxx ersetzt) könnte ein Lied davon singen. Wir schreiben 1858, zwei Jahre vor dem Ausbruch des US-Bürgerkriegs. Die weißen Industriellen und Plantagenbesitzer schwelgen in jenem opulenten Luxus, der von Ewiggestrigen bis heute als Zauber des alten Südens beschworen wird. Um den Glanz zu erhalten, müssen die Schwarzen Tag und Nacht arbeiten. Ohne Rechte, ohne Bezahlung und oft unter schrecklichen Bedingungen, waren sie den Launen und Quälereien ihrer Besitzer und Vorarbeiter ausgeliefert. Rücksicht auf Gefühle oder gar Liebe wurde keine genommen. Und so wird Django eines Tages von seiner geliebten Frau Broomhilda (Kerry Washington, die auch schon in Foxx' Oscar-Film Ray seine Ehefrau spielte) getrennt. Sie lebt als Sklavin auf der Plantage des sadistischen Großgrundbesitzers Calvin Candie (großartig gemein: Leonardo DiCaprio) - und er selbst soll von seinen Besitzern auf dem Sklavenmarkt verkauft werden.
Doch dann kreuzt ein sehr seltsamer Mann seinen Weg. Er sitzt auf dem Kutschbock eines klapprigen Planwagens, über dem ein riesiger Backenzahn aus Pappmaché hängt, trägt Anzug und Hut und spricht mit seltsamem Akzent: Dr. King Schultz (Chistoph Waltz), fahrender Zahnarzt mit deutschen Wurzeln und ungewöhnlichem Nebenberuf: Kopfgeldjäger.
Und weil Dr. Schultz noch besser schießen als Verwirrung stiften kann, hat er Django im Nu befreit und schlägt ihm einen interessanten Deal vor: Django soll mit ihm gemeinsam die berüchtigten Killer-Brüder Brittle, auf die ein hohes Kopfgeld ausgesetzt ist, fangen - Django ist nämlich einer der wenigen, der sie identifizieren kann. Als Gegenleistung wird ihn Dr. Schultz vollständig vom Joch der Sklaverei befreien und ihm obendrein dabei helfen, seine Broomhilda aus den Klauen des grindigen Calvin Candie zu befreien.
Ein Angebot, das Django natürlich nicht ablehnen kann. Noch dazu, wo er dem Kopfgeldjäger-Handwerk einiges abzugewinnen vermag. "Weiße Kerle erschießen und dafür auch noch bezahlt kriegen - gibts was Besseres?" Django ist nämlich kein edler Held, der vergibt und vergisst. In ihm hat sich eine - im wahrsten Sinne des Wortes - Mordswut auf seine ehemaligen Herren aufgestaut. Und so ist es kaum verwunderlich, dass es auf Candies riesiger Plantage (von diesem sinnigerweise Candieland genannt) bald sehr Tarantino-mäßig rund geht ...

Viele lieben seine Filme heiß, manche mögen sie gar nicht - aber kalt lassen Quentin Tarantinos wild-anarchische Filmtrips quer durch alle Generationen des Genrekinos kaum jemanden. So viel ungebremste Originalität und Kreativität kann man einfach kaum ignorieren. Vor allem, weil der enthusiastische Film-Freak Tarantino es immer wieder schafft, sich selbst treu zu bleiben und doch mit jedem Film eine ganz neue Welt zu öffnen. Django Unchained ist seine große Reverenz an den Italowestern, ein bis in kleinste Rollen groß besetztes Action-Meisterwerk - und gleichzeitig im Mainstream-Kino eine der ersten unverkrampften Auseinandersetzungen mit einem der dunkelsten Kapitel der US-Geschichte.

Text: Gini Brenner - skip.at